Unsere Kirche

 

Die Grötzinger Kirche

Die Anfänge der Grötzinger evangelischen Kirche liegen im Jahr 1255. Damals wurde sie als dörfliche Chorturmkirche errichtet und hat vor allem um 1500 mehrere Umbauten erfahren.
 
Die Grötzinger Kirche 1255-1955
(zur 700 Jahrfeier von Wilhelm Mössinger)
 

Quelle: Wilhelm Mössinger

 
Über dem Kreuzgewölbe (Wimpfener Gotik) erhebt sich der 48 m hohe Turm mit drei Stockwerken, einer achteckigen Glockenstube und seinem bis zu 22 Grad gedrehten Dach. Ein steinernes Wasserbecken in der Eingangshalle erinnert daran, dass die Kirche bis zur Reformation als katholisches Gotteshaus diente. Um diesen Turm rankt sich eine Sage: Der Teufel ärgerte sich über die Frömmigkeit der Grötzinger, die Sonntag für Sonntag ihr schönes Gotteshaus besuchten. In einer stürmischen Novembernacht fuhr er unter Blitz und Donner herab und wollte die Kirche umwerfen. Er schaffte es nicht. Es gelang ihm nur, den Turm ein Stück zu drehen. Als die Grötzinger am folgenden Morgen das Unheil sahen, wollten sie das Dach reparieren. Dann aber ließen sie den Turm wie er war zum Zeichen der Ohnmacht des Teufels.
Soweit die Sage. Wie aber war es in Wirklichkeit? Über die architektonische Seltenheit, wie sie uns jedoch ähnlich an verschiedenen Kirchen (Verden/Aller, Lemgo, früher in Weißenburg) begegnet, kann man nur mutmaßen: So sei es nach W. Mössinger vom Bauherr nicht beabsichtigt gewesen, sondern erst im Laufe der Zeit entstanden. Möglicherweise wurde beim Dachgebälk nicht ausreichend trockenes Holz verwendet. Die Verstrebungen der Dachkonstruktion konnte dem allmählichen Schwinden des Holzes und den Einflüssen von Sturm und Wind nicht entgegenwirken. Eine andere Version (bei Reclam) geht davon aus, dass die Drehung sehr wohl beabsichtigt war. In Weißenburg/Elsass gab es bereits vor dem Bau unseres Westturms eine Kirche mit gedrehtem Dach. Grötzingens damalige enge Verbindung zum Kloster Weißenburg lässt vermuten, dass der Architekt die Ähnlichkeit mit der dortigen Kirche bezweckt hat. Bei einer gründlichen Renovierung der Kirche 1977/78 beließ man den Turm, der mit seiner merkwürdigen Drehung zu einem Wahrzeichen Grötzingens wurde, in seiner historisch gewordenen Form.
 
Wir betreten die Kirche durch die Vorhalle des Westturms, der nach einer gotischen Jahreszahl zu schließen 1497 erbaut wurde. Die gotischen Spitzbogenfenster an den Seiten des Längsschiffes haben abwechslungsreiche, verschieden gestaltete Fischblasenornamente in Herz- und Kreuzform. Die Kassettendecke über dem 14 m breiten und 30 m langen Kirchenschiff ist aus Holz und wurde erst nach den Zerstörungen des 30 jährigen Krieges eingezogen. Auf acht Eichensäulen ruhen die Bänder des Dachstuhls, deren westlichste die Inschrift “Friedrich Mattern, Zimmermeister, 1667” trägt.
Im Übergang vom Kirchenschiff zum Chor findet sich mit dem Triumphbogen aus Buntsandstein der älteste, noch von der ehemaligen Chorturmkirche erhaltene Teil.
 
 
 

Der Blick des Besuchers wird zuerst auf den Altar aus rotem Sandstein mit dem spätgotischen, holzgeschnitzten Kruzifix gelenkt. Dieses Kruzifix stammt von einem namentlich nicht bekannten Bildschnitzer der Ulmer Schule und wurde um 1500 geschaffen.

Quelle: Ulrich Jäger

Der heutige Chor wurde im frühgotischen Baustil errichtet. Das Netzwerk des mit zwei Rippen verzierten Chorgewölbes endet in zwei Schlusssteinen mit Wappenschildern. Das erste zeigt ein Kreuz und weist auf das Patronat der Kirche “zum Heiligen Kreuz” hin, das zweite ist das Wappen des Erbauers Markgraf Bernhard von Baden. Die kunstvollen Formen des Maßwerks an den Chorfenstern sowie das um jene Zeit gebräuchliche Wappen geben die Entstehung 1420 an.
1976 wurden bei der letzten Innenrenovierung am Triumphbogen wertvolle Fresken aus dem Jahre 1425 freigelegt und später von Herrn Horst Leyndecker restauriert. Sie stellen das Gleichnis von den zehn Jungfrauen (Matthäus 25, 1-13) dar. Die fünf törichten auf der rechten Seite münden ein in Christus, die fünf klugen zur Linken in Maria mit dem Kind.
 
Die Bilder an den fünf Chorfenstern zeigen Jesu Geburt, seine Taufe, die Auferstehung (Bild links), Jesus und Thomas im Kreise der übrigen Jünger und das Jüngste Gericht. Sie entstanden 1892, Auferstehung und Himmelfahrt des Herrn nach einer Vorlage von Albrecht Dürer, den übrigen Bildfenstern dienen andere alte Meister mit ihren Werken als Vorlagen.
 
Kirchenfenster

Quelle: Ulrich Jäger

 

 
Sicher habt ihr schon von uns gehört, einzeln oder vereint im Geläut. Nehmt ihr uns bewusst wahr und was wisst ihr über uns? Zum Kennen- und Liebenlernen, stelle ich uns hier einmal vor.
Ich selbst bin die größte und älteste Glocke der Grötzinger evangelischen Kirche. 1621 wurde ich aus einer anderen Glocke gegossen. Aus meinem Gewicht von 1350 kg und dem Durchmesser von 1,421 m mache ich kein Geheimnis. Zur Bestimmung meines Schlagtones ist schon eine genaue Tonanalyse notwendig, danach liegt mein Schlagton zwischen d‘ und des‘, genau d‘-8. Zahlreiche weitere Töne schwingen mit, wenn ich erklinge und machen somit unser Geläute erst typisch und interessant. Als Inschrift trage ich das alte Wort: „Als min Gelud sol worden Gehort. So gedenket alle Zeit an Godt sin wort“. Damit weise ich auf meine Funktion als Betglocke hin. Am Werktag morgens 7:00 Uhr und abends 19:00 Uhr bin ich zu hören und viele halten dann zum Beten still. Zu jeder Stunde schlage ich die Zeit und begleite einen Verstorbenen bei seiner Überführung oder Beerdigung, deshalb werde ich auch die Totenglocke genannt.

Seit 1952 habe ich zwei Schwestern, die Hochzeitsglocke (1017 kg, Durchmesser 1,21m) und die Taufglocke (496 kg). Wilhelm Mössinger gibt in seinem Heimatbuch die Schlagtöne mit f und as an.

Die Inschrift der Hochzeitsglocke über einem Kreuz lautet: „Gott ist getreu, der euch ruft!“. Sie läutet mittags um 11:00 Uhr und zusammen mit der Taufglocke in einer Mollterz 30 Minuten vor einer Trauung.

Die Taufglocke ruft: „Lasset die Kindlein zu mir kommen“. Sie ist mit einem Engel verziert. Mit ihr wird zu den Gottesdiensten vorgeläutet und sie ertönt zum „Vater unser“ während der Gottesdienste. Da weiß sich dann jeder Daheimgebliebene im Gebet mit der Gemeinde vereint.

Lange mussten wir auf die Vollendung unseres Klangbildes warten. Erst 1990 wurde unser Geläut wie vor dem 1. und 2. Weltkrieg wieder vervollständigt. Dank den Heimatfreunden, die die Heimatglocke spendeten. Mit 408 kg und einem Durchmesser von 86 cm ist sie die Kleinste. Sie ist mit einem Relief verziert, das eine stilisierte Ansicht von Grötzingen darstellt. Ihr Schlagton liegt zwischen h‘ und b‘ (h‘-5). Mit vier Glocken sind nun weitere Variationen von Teilgeläuten möglich geworden. „Lasst mich der Erdenheimat Preis euch singen, bis ihr zur oberen Heimat ein dürft dringen“. Mit dieser Inschrift stimmt sie nun zum vollen Geläute in einer Dur-Mollmischung mit ein, das den Sonntag einläutet und zu den Gottesdiensten einlädt.

aus den Akten zusammengestellt von Ulrich Schadt
und
notiert von Christiane Jäger
 

Der neue Glockenstuhl

In der Osternacht 2005 wurde das Geläut nach der Sanierung des Glockenstuhles erstmals wieder gehört. Es klingt nun weicher als vorher, denn die Töne des mitschwingenden Stahlglockenstuhles fehlen. Mit dem neuen Holzglockenstuhl wird sich etwas verändern. In Absprache mit dem Orgel- und Glockenprüfungsamt wird folgende Läuteordnung zur Erprobung eingeführt:
Vorläuten sonntags

    um 9:00 Uhr mit Glocke IV, um 9:30 Uhr mit Glocke III

um 10:00 Uhr:

    Im Advent Glocke II,III,IV
    Passionszeit Glocken I, II, III
    Karfreitag Glocke I

sonst

    Hochzeit Glocken II, III, IV
    Beerdigung Glocken I,II,III
    Kindergottesdienst Glocken III, IV
    Wochenandacht Glocken II, III
    sonstige Sonn- und Feiertagsgottesdienste Glocken I-IV

Glocke I ist die größte Glocke, Glocke II ist die Trauglocke, Glocke III ist die Taufglocke und Glocke IV, die kleinste Glocke, ist die Heimatglocke.

Mögen unsere Glocken Hoffnung schenken zu jeder Zeit.
 

Die Orgel in der Evangelischen Kirche in Karlsruhe-Grötzingen
Gebaut wurde sie 1974 von Orgelbaumeister Peter Vier, Friesenheim.
Die Disposition der beiden Manuale ist so vorgesehen, dass sich die entsprechenden Register der Manuale gegenseitig ergänzen und gekoppelt werden können. Die Auswahl der Register innerhalb eines Manuals ist so getroffen, dass z.B. die beiden 8’-Register in jedem Manual den größten klanglichen Gegensatz bilden. Neben dem offenen Prinzipal steht das Holzgedackt, nicht neben dem Prinzipal eine offene Flöte. Ebenso ist die 4’-Lage behandelt. Das klassische Cornett 5fach, eine weite Solo-Diskantstimme, die rund und voll, aber farbenreich und kräftig klingt. Sie ist die beste Stimme zur Führung des Gemeindegesangs.
 Die Registrierung ist vollmechanisch. In der Disposition sind zu der Bauzeit innovativ 5 Auszüge eingebaut, die halb herausgezogen die jeweilige Stimme einzeln erklingen lassen, zieht man den Zug ganz heraus, so erklingt das volle mehrchörige Register.
Das I. Manual hat folgende Disposition:
Bourdon 16’
Spitzgedackt 8’Prinzipal 8’
Rohrflöte 4’Oktave 4’
Cornett 5fachOktave 2’
Trompete 8’Mixtur 11/3, 4fach
Koppel II-I
Das II. Manual = Schweller hat folgende Disposition:
Salicional 8’Gedackt 8’
Prinzipal 4’Spitzflöte 4’
Flagolet 2’Quinte 22/3, 2fach
Zimbel 1’, 4fachTerz 13/5, 2fach
TremulantOboe 4’
Das Pedal hat folgende Disposition:
Pommer 8’Subbass 16’ Koppelbar:Posaune 8’Bombarde 16’
Hintersatz 4’Oktavbass 8’Clarion 4’
Koppel I-P
Koppel II-P
Orgeln sind seit der Antike (246 v.Ch.) bekannt. Sie haben sich in der Barockzeit (17.+18. Jh.) und in der Romantik (19. Jh.) zur heutigen Form entwickelt. Labialpfeifen werden mehrheitlich verwendet. Ferner werden auch Register mit Ligualpfeifen –haben ein schwingendes Zungenblatt, Zunge und Kehle sind meistens aus Messing- eingebaut. Metallpfeifen sind aus Zinn-Blei-, Zinn-Kupferlegierungen oder aus Weißblech gefertigt. Bei Holzpfeifen wird Eiche, Nadel- oder Obstgehölze, gelegentlich Bambus verwendet. Das Holz hat eine sehr lange Lagerdauer, bevor es verarbeitet werden kann. Ein Register kostet je nach Größe und Umfang zwischen 5000,- und 25.000,-€, es werden Pfeifen mit gleicher Klangfarbe je Register verwendet.
 
U.Krieger